Durcheinander an den Gymnasien

von Administrator EMW

Artikel aus NZZ von 2. Oktober 2017

Eine Studie bringt erstmals Licht ins schwarze Loch der Lehrpläne

kru. · Die Lehrpläne müssten homogener, die Anforderungen vergleichbarer, die Prüfungen gerechter werden. Das fordert der Bildungswissenschafter Peter Bonati in einer neuen Publikation. Er hat die Gymnasien und ihre Lehrpläne eingehend untersucht und die Situation an 144 der 149 anerkannten Schweizer Gymnasien, die sich an der Studie beteiligt haben, ausgewertet. Damit bringt er Licht in ein schwarzes Loch der Schweizer Bildungslandschaft. So ausgiebig die Politik und teilweise das Stimmvolk über den Lehrplan 21 für die Volksschule debattiert und gestritten haben, so unbekannt, kaum erforscht und wenig diskutiert waren bisher die Lehrpläne der Gymnasien.

Bonatis Studie lässt keinen Zweifel daran, dass die Grundlagen der gymnasialen Ausbildung dringend reformiert werden müssen. Zwar hält er anerkennend fest, dass die Gymnasien «in der Regel Gutes im Verborgenen tun». Im Grunde genommen aber sind sie ein buntes, kaum reguliertes Durcheinander, das der Lehrerschaft (zu) viele Freiheiten lässt und vor allem, so Peter Bonati, «zu grossen Ungerechtigkeiten unter der Schülerschaft» führt, weil die Maturitätsanforderungen sehr unterschiedlich gestaltet sind: «Die Unterschiede sind nicht nur von Kanton zu Kanton und von Schule zu Schule gross, sondern auch zwischen den einzelnen Fächern.» Die Gymnasien seien zu Schulen mit unklarem Profil geworden, die ihre wohl wichtigste Funktion nur bedingt erfüllten: den prüfungsfreien Zugang zum universitären Studium.

Der tiefere Grund für diese Heterogenität liegt im Bildungsföderalismus der Schweiz. Um die Bildungshoheit der Kantone komme man nicht herum, sagt Bonati, dennoch sei die Zeit reif, auch auf Maturitätsstufe zu homogeneren Lehrplänen zu kommen. Seine Studie zeigt auf, dass die Lehrplan-Unterschiede umso grösser sind, je mehr die Kantone den einzelnen Gymnasien die Federführung bei deren Erarbeitung überlassen. Im Fokus seiner Verbesserungsvorschläge stehen jedoch die beiden Referenzdokumente auf nationaler Ebene, die den kantonalen Lehrplänen die Richtung vorgeben sollten: das Maturitätsanerkennungsreglement und der Rahmenlehrplan. Diese stammen aus den Jahren 1994 und 1995, sind zu vage und atmen den Geist einer Zeit, in der vergleichbare Anforderungen noch kein Thema waren.

Grundsätzlich spricht sich Bonati jedoch gegen eine Vereinheitlichung der Gymnasien aus. Er plädiert für eine «mittlere Regelungsdichte», die den Lehrplänen die notwendige Offenheit lasse. In der Schule dürften Bonatis Vorschläge jedoch nicht auf allzu viel Wohlwollen stossen, wie frühere Stellungnahmen zeigten.

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